Wiederverwendungspflicht vs. Transportsicherheit – was Artikel 29 der PPWR für die Getränkeindustrie bedeutet.

Die EU‑Verordnung verlangt, dass ein großer Teil der Transportverpackungen wiederverwendbar ist. Artikel 29 sieht noch eine Wiederverwendungsquote von 40 % ab 2030 und 70 % ab 2040 vor und treibt Industrie und Logistik zu neuen Systemen. Gerade bei bestimmten Verpackungsarten, wie Stretchfolie, sorgt diese Verpflichtung für Kritik: Studien zeigen, dass wiederverwendbare Systeme höhere Kosten und bei erhöhtem Materialverbrauch sogar deutlich mehr Emissionen verursachen können. 



Reuse, Sicherheitsstandards, Alternativen

Im Oktober 2025 hat die EU-Kommission angekündigt, Palettenwickelfolien und Umreifungsbänder per delegiertem Rechtsakt von den 100 %-Mehrwegpflichten (bei Intralogistik) in Artikel 29 Abs. 2 und 3 auszunehmen. Diese Ausnahme ist politisch bestätigt, aber noch nicht im Amtsblatt veröffentlicht.
Außerdem Ausgenommen sind Transportverpackungen für gefährliche Güter, kundenspezifische Verpackungen für großmaßstäbliche Maschinen und Ausrüstungen, flexible Transportverpackungen, die direkt mit Lebens- oder Futtermitteln in Kontakt stehen, sowie Kartonboxen.

Was sinnvoll klingt, birgt jedoch Zielkonflikte: Wiederverwendung kann bei Folien und Bändern den Sicherheitsstandard der Ladeeinheit beeinträchtigen und paradoxerweise zu einer schlechteren Ökobilanz führen.

Reuse-Vorgaben und ihre Reichweite

Artikel 29 der PPWR unterscheidet zwei zentrale Anwendungsbereiche, um unterschiedliche Logistik- und Organisationsformen korrekt abzubilden.
Cross-border-Transport (offene Lieferketten):

  • 40 % Reuse ab 2030
  • 70 % Reuse ab 2040 (anzustreben)
  • diese gelten für starre Verpackungen (Paletten, Boxen) und flexible Transportverpackungen (Stretchfolie, Bänder)

Closed-Loop-Systeme (eigene Standorte / verbundene Unternehmen):

  • hier galt eine 100 % Reuse-Pflicht
  • für z. B. innerbetriebliche Shuttle-Verkehre oder Lohnabfüllung
  • Seit Oktober steht eine Beausnahmung dieser Vorgabe für Umreifungsbänder und Folien in Aussicht

Diese Vorgaben sollen den Ressourcenkreislauf stärken und Abfälle reduzieren.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein technisches Problem: Flexible Verpackungen wie Stretchfolien sind konstruktiv auf den Einmalgebrauch ausgelegt; sie verlieren nach jedem Umlauf Halte- und Rückstellkraft. Eine sinnvolle Wiederverwendung ist praktisch ausgeschlossen.

Zielkonflikt zwischen Wiederverwendung und Transportsicherheit

Mehrere Branchenverbände weisen darauf hin, warum eine pauschale Reuse-Pflicht bei Palettenfolien zu Sicherheits- und Effizienzproblemen führen kann:

Wiederverwendung verursacht höhere ökologische Belastungen:

  • bis zu 1 700 % höhere CO₂-Emissionen gegenüber hochwertigen Einwegfolien (LCA der EuPF)
  • mehr Materialeinsatz bei Mehrwegfolien
  • zusätzlicher Ressourcenverbrauch durch Reinigung, Rücktransport, Lagerung

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind erheblich:

  • rund 5 Mrd. € Mehrkosten pro Jahr (RDC-Analyse)
  • Mehrweg-Materialien verursachen höheren Handlingsaufwand und Infrastrukturbedarf
  • Re-Use zwingt zu Rückführ- und Reinigungssystemen, die komplex und teuer sind

weitere systemische Nachteile:

  • „disproportionale“ operative, finanzielle und räumliche Belastungen
  • Wiederverwendung verhindert Verpackungsminimierung, weil Mehrweglösungen wesentlich materialintensiver sind
  • flexible Folien sind notwendig, um variierende Lasten sicher zu stabilisieren
  • Reuse erfordert Standardisierung, die heutige Supply Chains kaum bieten (EDANA)

Der Sicherheitsaspekt verstärkt den Zielkonflikt:

  • jede neue Mehrwegfolie muss neu qualifiziert werden
  • starke Varianz in Lagenbildern und Gebinden macht stabile Wiederverwendung unrealistisch
  • Gefahr von Schiefständen, Lagenverschub und Instabilität steigt

Zusammengefasst:

Mehrweglösungen sind ökologisch meist schlechter, logistisch kompliziert und sicherheitstechnisch riskant. Moderne Einwegfolien mit ≥ 35 % PCR-Anteil schneiden oft besser ab und bieten zugleich höhere Haltekräfte.

Auswirkungen auf die Getränkeindustrie und Handlungsempfehlungen

Die Getränkeindustrie ist besonders betroffen, weil ihre Ladeeinheiten großvolumig, schwer und dynamisch belastet sind.
Daraus ergeben sich konkrete Risiken einer Reuse-Umstellung.

Reuse kann die Ladeeinheitenstabilität gefährden:

  • höhere Wahrscheinlichkeit für Schiefstände
  • verrutschte Lagen durch geringere Performance
  • beschädigte Gebinde und Image-Verlust beim Handel

Reuse führt zu erheblichen organisatorischen Anforderungen

  • Investitionen in Rückführ-, Reinigungs- und Lagersysteme
  • längere Prozesswege und mehr Handling
  • Flächenbedarf für Mehrwegsysteme

Um die PPWR-Vorgaben strategisch sinnvoll umzusetzen, sollten Getränkehersteller, aus unserer Sicht, folgende Maßnahmen prüfen:

  • Evaluieren Sie Verpackungslösungen mit hohem PCR-Anteil
  • Prüfen Sie Stabilität und Performance neuer Lösungen im Test-Zentrum und erstellen Sie eine Konformitätserklärung
  • Führen Sie einen strukturierten Dialog mit Verbänden und Politik
  • Optimieren Sie Transportverpackungen systemisch sinnvoll, um Energie, Material und Kosten zu sparen

Fazit:

  • Artikel 29 der PPWR verpflichtet zu 40 % Reuse ab 2030 und 70 % ab 2040 sowie 100 % Reuse im Closed‑Loop.
  • Wiederverwendbare Palettenfolien verursachen laut Studien bis zu 1 700 % mehr CO₂‑Emissionen und erhöhen die jährlichen Kosten um fast 5 Milliarden Euro.
  • Branchenverbände warnen vor Sicherheitsrisiken, logistischen Belastungen und mangelnder Kompatibilität der Reuse‑Pflicht.
  • Einweg‑Stretchfolien mit hohem PCR‑Anteil können ökologisch vorteilhaft sein und gleichzeitig stabile Ladeeinheiten gewährleisten.

Mit diversen PPWR-kompatiblen Folien mit hohem PCR-Anteil und lieferbar mit Konformitätserklärung, bietet DUO PLAST schon jetzt konstruktive Lösungen.

(1) Corplex – Understanding the PPWR: Reuse-Quoten (40 % ab 2030, 70 % ab 2040, 100 % im Closed-Loop) und Definition der Transportverpackung
https://corplex.com/de/ppwr/
(2) Corplex – PPWR Exemptions: Ausnahmen für Gefahrgut, großmaßstäbliche Maschinen, Lebensmittelkontakt und Kartonagen
https://corplex.com/de/ppwr/
(3) European Plastics Converters (EuPC) – Exemption for pallet wrapping; Hinweis auf ≈1 700 % höhere Emissionen und ≈ 5 Mrd. € Zusatzkosten
https://www.plasticsconverters.eu/post/understanding-the-impacts-of-switching-to-reusable-pallet-packaging
https://www.plasticsconverters.eu/post/eupf-welcomes-commission-exemption-for-pallet-wrapping-and-straps-urges-science-based-consistency-u
(4) EDANA – Position on Reuse Targets Exemptions: Wiederverwendung verursacht unverhältnismäßige operative, finanzielle und räumliche Belastungen; flexible Folien bleiben unverzichtbar
https://www.edana.org/about-us/news/edanas-position-on-reuse-targets-exemptions

Nach oben scrollen